7 Dinge, die ICH durch Leistungssport gelernt habe

Veröffentlicht am 7. März 2015 von Paule

Hintergrund

Vor einiger Zeit war ich mal wieder bei einem Wettkampf – nicht als Teilnehmer, sondern als Aufbauer, Anleiter und Aufsicht. Da ich mit den Deutschen Meisterschaften 2014 meine ‚Karriere‘ beendet habe, gab es unerwarteter Weise vom Kreisverband noch eine offizielle Verabschiedung mit Nennung der größten Erfolge der letzten 25 Jahre. Außerdem musste ich ein paar Antworten für die Lokalzeitung Winsener Anzeiger geben, die einige ganz interessante Fragen gestellt hat. Eine davon war: „Was denkst Du, hat Dich der (Leistungs)Sport gelehrt?“. Auch wenn man über die Frage, besonders vor Bewerbungsgesprächen, nachgedacht haben sollte, sind mir nicht sonderlich gute Antworten eingefallen. Jetzt habe ich einige Zeit intensiver darüber nachgedacht und bin zu einer recht umfangreichen Liste gekommen.

Die Liste hat nicht den Anspruch des Wahrheitsgehalts und kann bzw. wird definitiv nicht für jeden Sportler gültig sein. Ich weiß von Konkurrenten und Freunden, dass genau die Dinge, die ich nicht gelernt habe, ganz oben auf deren Prägungsliste stehen. Zudem sollte sich die Frage der Kausalität stellen – waren die Persönlichkeitseigenschaften vorher da und haben zu guter Leistung geführt, oder ist es die jahrelange Wiederholung der Rituale, die die Persönlichkeit geformt haben. Oder lässt sich der Sport überhaupt separat als dominante Größe in der Entwicklung betrachten? Die Frage kann und werde ich nicht beantworten, aber gewisse Parallelen lassen sich zumindest ziehen. Aber genug mit dem Palaver…

 

 

 1. Gehorsam
Ich würde die Liste mit einem gewissen Grad an Gehorsam starten wollen. Als Pazifist habe ich das nämlich nie im Wehrdienst gelernt. Aber ich war einer der glücklichen Sportler, der einen Trainer hatte, der unglaublich bemüht ist, viel Erfahrung mitbringt und dadurch Vertrauen verdient hat. Besonders in der Jugendarbeit versteht er, das richtige Maß an Umfang, Grundlagen- und Detailarbeit zu kombinieren. Und klare Ansagen zu machen.
Besonders im Sport ist es häufig unangebracht, die Trainingsmethodik zu hinterfragen; zumindest, wenn die eigene Erfahrung ungenügend ist und man noch kein Gespür für die eigenen physischen Bedürfnisse entwickelt hat. Später sind dann generelle Dinge wie „Es geht mehr“ oder „Das ist zu viel“ natürlich erwünscht zu sagen, aber der Schwerpunkt sollte beim Trainer liegen – wenn er denn gut ist.

 

2. Leistung ist relativ – aber entscheidet
Ich habe nie die Athleten verstanden die ständig gesagt haben: „Ich will gewinnen“. Natürlich will man gewinnen, aber die Frage ist doch: „Gegen wen?“. Bei Vereinsmeisterschaften mag zu gewinnen eine Selbstverständlichkeit sein. Bei den Olympischen Spielen vermessen. Die richtige Antwort wäre doch: „Gegen mich!“. Früh wurde mir eingeflößt, dass es immer jemanden gibt, der besser ist. Also ist mein Ziel, in den mir wichtigen Belangen, das für mein Potential Bestmögliche zu bringen. Man hat keinen Einfluss auf die Leistung der Konkurrenz. Und wenn die in einer anderen Liga spielen, man mit Abstand Letzter wird, aber trotzdem seine beste Leistung gezeigt hat, kann es dennoch ein Erfolg sein. Oder nicht?
Das Erbringen dieser Leistung ist am Ende das, was zählt – ob dabei im Vorfeld ordentlich Staub gewirbelt wird, ist dabei recht egal. Den Professor interessiert es nicht, wie lange man gelernt hat, wenn am Ende eine gute Klausur geschrieben wird. Der Arbeitgeber will ein gutes Design, eine gute Präsentation, oder detaillierte Vorhersage – egal, wie lange es vorher gedauert hat. Je schneller, desto besser.
Und glaubt mir, es gibt genügend Geschwätz im Vorfeld, wie toll oder schlecht die Vorbereitung lief, was diejenigen ‚drauf haben‘, wie schlecht man geschlafen hat oder was nicht alles Tolles passieren wird. Wer am Ende nicht mit guter Leistung im Ziel steht, der macht sich mit solch Geschwätz nur zum Narren.

 

3. Arbeit findet im Verdeckten statt
Wie die Vorbereitung läuft ist aber nicht irrelevant. Denn dort finden 99% der Arbeit statt. Wie Usain Bolt in einer Dokumentation ganz gut beschreibt: „Die Zuschauer sehen die Leichtigkeit, mit der man die 10 Sekunden auf der Bahn im Stadion steht. Die Stunden beim Training, die Qual, den Schmerz, das bekommt keiner mit.“. Dabei brauchen die Details am meisten Arbeit. Besonders im Sport lässt sich das 80/20 Prinzip zu 99/1 machen.

Helge

Bevor man das nächste Mal die Arbeit des Kommilitonen zerreißt sollte man sich überlegen, wie viel realistischer Aufwand dahinter gesteckt hat. Vielleicht hat die relative Leistung bei extremem Aufwand ja nicht für mehr gereicht -> Zeit die Gruppe zu wechseln!

 

4. Belastbarkeit und verlassen der Komfortzone
Die Ehrung war ein typisches Beispiel für etwas, das einem ambitionierten Sportler häufig begegnet: das Verlassen der Komfortzone. Ich hasse es (unfreiwillig) im Mittelpunkt zu stehen, ich hasse es für lang Vergangenes gelobt zu werden und ich hasse besonders, Statements über mich selbst zu geben. Das ist aber eines der Teile, denen man nicht immer aus dem Weg gehen kann. Und manchmal auch nicht sollte, denn auch Entscheidungsträger werden durch mediale Präsenz auf einen Aufmerksam und Türen können einem geöffnet werden.
Das Verlassen der Komfortzone bezieht sich aber auch auf das Training selber: man kann nur besser werden, wenn man Dinge tut, die man vorher noch nicht getan hat. Ob das bedeutet noch einen Lauf mehr zu machen, das Gewicht einmal mehr zu stemmen, oder bewusst etwas zu tun, was sich ‚falsch‘ anfühlt (wenn man immer eine falsche Bewegung gemacht hat, fühlt es sich irgendwann richtig an). Vielleicht musste man in der vorigen Woche den Lauf abbrechen oder hat das Gewicht nicht vom Boden bekommen, aber ohne den Versuch wird man es nie schaffen. Dafür muss man eine gewisse Belastbarkeit mitbringen.

 

5. Pausen und Intuition sind wichtig
Selbst der belastbarste Mensch braucht irgendwann mal eine Pause. Es heißt nicht umsonst: „Die wichtigste Trainingseinheit ist die Regeneration“. Und natürlich kann man schlechte Tage haben, an denen man den Plan ändern und stattdessen vielleicht eine Pause einschieben sollte.
Dabei spielt Intuition eine große Rolle. Es gibt viele Athleten, die sich vor einer Verletzung ‚komisch‘ gefühlt haben. Die ‚irgendwie wissen‘, dass sie einen Tag länger brauchen, um sich für den Wettkampf zu erholen. Und das sollte bei allem Trainingsaufwand ernstgenommen werden.
Zuviel gelernt? In den Kopf passt nichts mehr rein? Lenkt der Gedanke an den Kneipenabend ständig vom Lernen ab? Zeit für eine Pause! Wird die Zeit bis zur Klausur knapp und man merkt, dass es nicht reichen wird? Zeit zu fokussieren!

 

6. Fokus, Gangwechsel und Exzess
Letztens haben wir beim Training über den Unterschied zwischen ‚kindisch‘ und ‚erwachsen‘ philosophiert. Wir sind bei dem Punkt angekommen, dass man es als Erwachsener besser hinbekommt, situationskonform zu handeln. Und noch besser als Sportler.
Wir sind beim Training und auf Wettkämpfen häufig genug kindisch, blödeln rum, sind laut wie Vikinger, erzählen Grütze und benehmen uns wie pubertierende Mädchen die Hunger haben. Und das ist völlig okay, solange man voll da ist, wenn es drauf ankommt. Und von lautem Lachen bis Tunnelblick können nur wenige Sekunden vergehen. Ich weiß nicht, ob das ohne die Konditionierung in dem Ausmaß möglich wäre.
Hier sind zum Beispiel die beiden Helfer, die gerade in ihrem Element sind – ohne die Zwei, hätte der Wettkampf nicht stattgefunden.

 

Helfer

Der Fokus ist aber nicht zwangsweise etwas Kurzfristiges. So können die Dinge tatsächlich zum Exzess werden und es lässt sich einiges beobachten. Während des 365s, wie sich fünf Stunden der Bearbeitung wie 10 Minuten anfühlen. In der Klausurenzeit, wie die Welt ein paar Tage vor Termin leiser wird und es nichts anderes mehr gibt. Eine Projektplanung, an der man stundenlang feilscht. Dass man alle fünf Staffeln Breaking Bad in drei Tagen gucken kann. Oder mit polyphasischem Schlafen experimentiert. Meine Güte, die paar Überlegungen haben jetzt auch schon wieder zwei Stunden gedauert. Ihr wisst was ich meine…

 

Handstand

Alles, für ein einziges Foto zum Beispiel.

7. Teamwork und Weitergabe von Werten und Wissen
Bei all dem Fokus bleibt nicht zu vergessen, dass auch Einzelsportarten Teamwork sind. Es gibt (fast) immer den Trainer, der in Interaktion mit den Athleten steht. Es gibt Teamkollegen, Familienmitglieder, die Verbände. Und alle wollen irgendwie das Gleiche, sodass man überwiegend an einem Strang zieht. ‚Überwiegend‘, weil jeder seine eigenen Bedürfnisse hat und unterschiedlich angefasst werden muss. Jemand mit klarer Zielsetzung und viel Selbstbewusstsein braucht seltener einen metaphorischen Arschtritt, als der gleichermaßen talentierte aber unsichere Sportler, der zusätzlich ermutigt werden sollte.
Diese Unterschiede gehen einher mit dem beschriebenen Gangwechsel. Und es macht unglaublich Spaß, wenn man das ganz gut hinbekommt. Gerade in ‚Vorbildfunktion‘, wenn man die Reaktionen und die Entwicklung einzelner beobachten kann. Daraus formt sich eine Kultur, bei der man selber mitwirken kann, um die Ziele durch Teamwork und Vermittlung zu erreichen. Meine Güte haben wir ein paar resistente Neulinge schon geknechtet, die sich dafür heute bedanken…
Die Weitergabe gewisser Werte bzw. Wissens und der Wille, mitzuwirken, andere ‚besser‘ zu machen, ist häufig zu beobachten. Es gibt wenige Sportler, die nicht als Lehrer, Trainer, Physiotherapeut, Coach oder … Berater enden. Alles Jobs, mit denen man anderen in gewisser Weise helfen möchte.

 


 

Das ist nun deutlich ausführlicher geworden, als ich mir das eigentlich vorgestellt habe. Und das unter Anbetracht der Tatsache, dass es einen weiteren Artikel geben soll, was ich nicht gelernt habe. Aber dazu in den nächsten Tagen mehr!

Kategorie: Verschiedenes
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Ein Kommentar zu “7 Dinge, die ICH durch Leistungssport gelernt habe”

  1. Bettina Dittmer sagt:

    Das sind ja unfassbar intellektuelle Überlegungen! Ich bin sprachlos! Schick das mal separat an Striezel…….

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