Eine Woche nach dem polyphasischen Schlafexperiment – Was hat man gelernt?

Veröffentlicht am 26. September 2014 von Paule

Zu allererst möchte ich mich bei denen bedanken, die das Experiment verfolgt, mir Mut gemacht und mich unterstützt haben! Das klingt jetzt, als ob es das schlimmste Experiment der Welt gewesen wäre… aber zwischendurch gab es tatsächlich einige Zweifel und Phasen mit fehlender Motivation das Experiment oder die Dokumentation weiter zu führen – von dem Verständnis für Müdigkeit, Zwangspausen oder das Angebot von Schlafplätzen mal ganz zu schweigen. Auch wenn es nicht viele waren die es verfolgt haben (und schon gar nicht über den kompletten Zeitraum), war das Grund genug, sich jeden Tag auf’s Neue hinzusetzen und das nach meinen Möglichkeiten Beste draus zu machen. Vielen Dank!


 

Es ist jetzt etwas mehr als eine Woche her, seitdem ich das letzte Mal den Wecker gestellt habe. Nach anfänglichen Schwierigkeiten in einem richtigen Bett und länger als 3 Stunden zu schlafen, wache ich jetzt nur regelmäßig in der Nacht auf und komme dennoch auf die „normalen“ 7 bis 9 Stunden Schlaf. So lange die polyphasische Eingewöhnungszeit dauert, umso schneller ist der Rhythmus auch scheinbar wieder umgestellt…

 

Als erster gelernter Punkt ist wahrscheinlich das Bewusstsein für Müdigkeit und den eigenen Körper zu nennen. Auch wenn man in der Eingewöhnungsphase jegliche Fühler verlieren mag und ausschließlich an den nächsten Zyklus denken kann, bekommt man extrem schnell ein Gefühl dafür, was im Rahmen des Möglichen ist: Wie lange man noch wach bleiben kann ohne nach der nächsten Schlafphase komplett zerstört zu sein, wann man mal frühzeitig kapitulieren muss, oder wann man tatsächlich eine Hochphase hat. Das ist hoffentlich eine Lektion, die langfristig erhalten bleibt.

Momentan ist das zumindest noch der Fall. Noch ist es nämlich so, dass selbst nach einer langen Nacht ein Tief um die herum Mittagszeit folgt, dem ich mich beugen muss. Generell ist es auch tatsächlich so, dass ich zumindest subjektiv müder bin als die zwei Monate zuvor. Oder sagen wir besser den letzten Monat; den ganzen ersten Monat hat es ja fast gedauert sich daran zu gewöhnen.

 

Bezüglich der Eingewöhnung gibt es zwei Punkte, die zu nennen sind: Erstens fremde Hilfe und zweitens die Beschäftigung in der Wachzeit. Bei den meisten der Tagebücher und Berichte zum polyphasischen Schlaf, wird das Experiment zu zweit durchgeführt. Dies ist sicherlich außerordentlich hilfreich, um nicht zu verschlafen und sich gegenseitig wach zu halten. Zu schnell kommt es sonst vor, dass man verschläft – und wie ich gelesen habe, wirft einen das einige Wochen zurück. Das Selbe gilt für die Zeit zwischen den Schlafphasen. Ohne eine sinnvolle Beschäftigung ist es natürlich sehr viel schwieriger aktiviert zu bleiben, sich wach zu halten und einen Sinn darin zu sehen die Müdigkeit auszuhalten. Für viel Beschäftigte ist das bestimmt weniger ein Problem; wenn man nur vor sich her vegetiert hingegen, ein ganz gewaltiges.

Zumindest in meinem Fall musste deswegen auch eine gewisse Konsequenz involviert sein. Auf eigene Faust und ohne eine wirklich anspruchsvolle Tätigkeit zwischendurch, hat es viel Überwindung gekostet, trotzdem weiter zu machen und nicht vorzeitig abzubrechen. Ich gehe davon aus, dass das unter anderen Bedingungen auch alles andere als leicht ist, aber man die selbst generierte Motivation zu zweit etwas schleifen lassen kann, oder sich der Fokus der Motivation ändert, weil man gute Gründe dafür hat aufzustehen. Es wird so oder so eine Quälerei sein, fragt sich nur, wie stark – und reicht der eigene Wille dann aus, die Schinderei am Leben zu erhalten. Matthias hatte es so schön formuliert: Man muss kurzfristig seine Bequemlichkeit aufgeben, um langfristig den Erfolg erzielen zu können. Und gerade diesen Unterschied in zukünftigem Erfolg durch kurzfristige Plagerei sehe ich im Sport, in fehlgeschlagenen Experimenten und vielen anderen Bereichen nur allzu häufig. Deswegen Stand es außer Frage vor dem Einsetzen des ‚wirklichen‘ polyphasischen Schlafs abzubrechen. Besonders in diesem Fall hat es sich bezahlbar gemacht, es bis zum Schluss durchzuziehen.

 

Nadine hatte als interessanten Punkt angemerkt, dass es eben nicht nur diesen „einen Königsweg“ für viele Dinge zu geben scheint. Hier betrifft es natürlich das Schlafen selbst, das sich ja auch zwischen den Kulturen massiv unterscheidet. Die Spanier, bei denen es Gang und Gäbe ist mittags zu Ruhen, die Japaner, bei denen es meist verpönt ist nicht am Arbeitsplatz den Kopf auf den Tisch zu legen (als Zeichen, dass man sonst zu viel Freizeit hat), die Thais, sich einfach zum Schlafen auf die Straße legen und so weiter und so weiter. Natürlich war es eine drastische Veränderung in Nottingham auf Boden, Stühlen oder Couch zu schlafen, aber es war eine die gezeigt hat, dass dies keineswegs schlechter ist als das, was wir in unserem Dunstkreis als „normal“ betiteln.

Für mich persönlich ist es eine tierische Bereicherung in allen erdenklichen Situationen schlafen zu können. Ob im Auto, auf dem harten Fußboden, bei Lärm, Helligkeit oder unter Stress – hoffentlich ist auch das etwas, das auch langfristig Teil der Schlafhygiene sein wird. Dies ist aber nicht das einzige. So empfinde ich es als besonders wertvoll, die Erfahrung des „Verlassens der Komfortzone“ in diesem Umfang kennenzulernen, zu reflektieren und aus der Vogelperspektive beobachten zu können. Unsere Engstirnigkeit ist ja nicht nur beim Schlafen zu beobachten, sondern betrifft… sagen wir mal alle Aspekte unseres Lebens. Vielleicht ist dieses Metabewusstsein etwas, das sich in Zukunft übetragen lässt.

 

Nach circa 450 Mal einschlafen und aufstehen in zwei Monaten lernt man auch, die Grübelei auf Knopfdruck sein zu lassen. Zumindest während der Schlafenszeit, wenn man wirklich Bedarf hat, sollte man das besser können. Einen wichtigen Schlafzyklus verpassen und danach umso geräderter zu sein ist dann primär das, was es zu verhindern gilt. Und das lernt man spätestens nach dem dritten Mal der kompletten Zerstörung. Wenn es erstmal wie im Buch läuft, ist man selbstverständlich sehr viel flexibler, aber weiß dennoch das schnelle Einschlafen zu schätzen.

Daraus ergibt sich auch ein bisschen die Frage, für wen das polyphasische Schlafen geeignet ist. Entgegen der Intuition bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es besonders für Langschläfer (so wie ich es bin bzw. war), wahrscheinlich am meisten Mehrwert oder Lerneffekt mit sich bringt. In der Zeit lernt man die positiven Seiten des frühzeitigen Aufstehens kennen, man weiß das warme Bett im Vergleich zum kalten Draußen etwas besser einzuschätzen, man ist nicht mehr ganz so träge, wenn es um Produktivität geht. Eine Verschiebung der Grenzen und das Erfahren neuer Dinge, die man so nicht kennt, erscheint mir zumindest immer als sehr erkenntnisgewinnend.

 


Kurz und knapp sind es diese paar Dinge, die deutlich geworden und nötig sind: Durchhaltevermögen mit Aufgabe der momentanen ‚idealen‘ Situation zur Erreichung einer ‚idealeren‘ Situation (auch wenn das erstmal Qual bedeutet), eine Veränderung im Standard (ob gut oder schlecht – es gibt nicht nur den einen ‚Königsweg‘), Veränderung im Bewusstsein für seine eigenen Limits, bewusste Kontrolle der Gedanken (besonders beim Einschlafen), einen bewussten Perspektivwechsel aus der eigenen kleinen Welt und eine hoffentlich anhaltende Wertschätzung der gewonnen Zeit.

Wie sich wahrscheinlich zwischen den Zeilen bereits lesen lässt, würde ich das Experiment wiederholen und auch erneut aufleben lassen, wenn es einen guten Grund dazu gibt. Falls ich irgendwann einen zeitfressenden Arbeitgeber finden, eine Familie haben (gerade für junge Eltern scheint dies ein sehr gutes Konzept zu sein) oder mich selbstständig machen sollte, scheint das polyphasische Schlafen und der einhergehende Zeitgewinn eine wirklich gute Sache zu sein. Zum Glück fällt es beim zweiten Mal Erfahrungsberichten nach deutlich leichter!

 

Erneut möchte ich denen danken, die sich immer die Zeit genommen haben um das Ganze zu verfolgen. Falls mir ganz langweilig werden sollte, wird es in unregelmäßigen Abständen „(fast) unnützes mit Paul“ geben, oder das nächste Experiment, das aber noch nicht ganz entschieden ist. Gerade hört sich das Saftfasten nach einer realistischen Option an. Oder gibt es sonst etwas, durch das man sich quälen kann?

Da seid ihr aber gefragt, die nötigen Ideen zu liefern. Die Lust dazu besteht auf jeden Fall! Hoffentlich sehen wir uns dann wieder! Bis zum nächsten Mal (:

Hehe

Kategorie: Schlafen
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Ein Kommentar zu “Eine Woche nach dem polyphasischen Schlafexperiment – Was hat man gelernt?”

  1. Anja W sagt:

    Hier kannst du dich bestimmt quälen:
    http://www.stern.de/tv/jetzt-bewerben-wer-misst-sich-mit-joey-kelly-2137244.html?no_mobile=1

    Ansonsten Hut ab für dein langes Durchhaltevermögen bei deinem Experiment!

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